Muslimisch, männlich, jung
Der Reiz des Radikalen oder der Fall des Zacarias Moussaoui

Wiederholung: SWR 2, 23. September 2009, 19.20 Uhr

Die Bilder vom 11. September 2001 haben sich eingebrannt in das Gedächtnis der ganzen Welt. Die USA wurde in ihren Grundfesten erschüttert, als die Flugzeuge in das World Trade-Center und das Pentagon einschlugen. Drei Wochen vor den Anschlägen wurde in Minnesota ein Franzose marokkanischer Abstammung festgenommen: Zacarias Moussaoui. In Haft bezichtigte er sich, lange nach den Anschlägen, selbst. Er sei auserkoren gewesen als vierter Todespilot und habe ein Flugzeug ins Weiße Haus lenken sollen. Zacarias Moussaoui ist der einzige Al-Kaida-Terrorist, der wegen der Anschläge vom 11. September vor Gericht stand. Lebenslängliche Isolationshaft lautete 2006 das Urteil.

Marokkanische Wurzeln ...

Die Eltern von Zacarias Moussaoui stammen aus Marokko. In den 60er-Jahren beschlossen sie, nach Frankreich auszuwandern. Als Zacarias 1968 in Frankreich geboren wurde, befand sich die Ehe der Eltern bereits in einer tiefen Krise. Der Vater trank und war gewalttätig. Zacarias war drei Jahre alt, als sich die Mutter von ihrem Mann scheiden ließ. Fortan musste sie sich und ihr vier Kinder alleine durchbringen. Mit viel Fleiß arbeitete sie sich nach oben und schaffte den sozialen Aufstieg: weißes Einfamilienhaus in gediegener Gegend, hübscher Vorgarten, nette Nachbarn. Ihre kulturellen und religiösen Wurzeln legte sie ab. Sie wollte um jeden Preis Französin sein und erzog so auch ihre Kinder. Zuhause sprachen sie Französisch und kein Arabisch.

"So waren wir innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft diskriminiert, weil wir deren Sprache nicht beherrschten! Im Kreise marokkanischer Familien wurden wir stets bedauert, woraufhin meine Mutter erwiderte: 'Nein, sie können kein Arabisch, sie sind echte kleine Franzosen!'" Abd Samad Moussaoui, Bruder von Zacarias, aus dem Buch: "Zacarias Moussaoui, mein Bruder"

Gefühl von Identität und Zugehörigkeit

1991 beschloss Zacarias überraschend, nach England zu gehen, um seinen Master in "International Business" zu machen. Er träumte davon, einen Import-Export-Handel zwischen Marokko und Frankreich aufzubauen. Doch der Anfang in London war hart. Zacarias lebte in einem Obdachlosenheim, hatte kaum Geld, schaffte allerdings die Aufnahme an die Universität. Schließlich fand er eine Unterkunft in den Gemeinderäumen der Moschee im Migrantenviertel Brixton. Die Moschee-Kantine bot regelmäßige Mahlzeiten. Im angegliederten Kulturzentrum lernte er arabisch und studierte den Koran. Erstmals im Leben besuchte er regelmäßig den Gottesdienst. In der Gemeinde fand er das ersehnte Gefühl von Identität und Zugehörigkeit, und er begegnete dem radikalen Sheik Abudullah el-Faisal, der offen den Dschihad predigte. Zacarias fand Gefallen an dieser Ideologie und tauchte immer tiefer ein in die Welt der Dschihadisten.

"Das Problem heißt 'Identität'. Sie wissen nicht, wer sie wirklich sind und woher sie wirklich kommen. Das ist eine Schwäche, eine große Schwäche, die von den Extremisten ausgenutzt wird." Sajjad Gohel, Terror-Experte

Ziel: Afghanistan

1997 entschloss sich Zacarias Moussaoui, nach Afghanistan zu gehen. Sein Ziel: ein Al-Kaida-Trainingslager. Häuser stürmen, Sprengsätze bauen, Gewaltmärsche und Nahkampf standen auf dem Stundenplan. In Afghanistan traf Moussaoui auch Osama bin Laden. Dann wurde er nach Malaysia geschickt, wo er mit den Drahtziehern des 11. September zusammenkam. Schließlich schrieb er sich in den USA für einen Boeing-Pilotenkurs in Minnesota ein. In der Pilotenschule aber wurde man auf Moussaoui aufmerksam. Angeblich interessierte er sich nur für das Fliegen mit Jumbo-Jets. Start und Landung sollen ihn nicht sonderlich interessiert haben. Doch die genauen Gründe sind nicht bekannt.

Triumph nach dem Urteilsspruch

Zacarias wurde vom FBI festgenommen. Als Grund für die Verhaftung wurde offiziell ein abgelaufenenes Visum angegeben. Nur drei Wochen nach Moussaouis Festnahme stürzten die New Yorker Twin Towers ein, raste ein Flugzeug ins Pentagon. Erst danach gab das Justizministerium einen Untersuchungsbefehl frei. Zu spät? Hätten die Anschläge verhindert werden können? Moussaoui nannte sich selbst einen Drahtzieher des 11. September. Er wurde angeklagt, von dem Terrorangriff gewusst und ihn mitgeplant zu haben. Nur knapp entging er der Todesstrafe. Zacarias Moussaoui nahm das Urteil stumm entgegen, beim Verlassen des Gerichtssaal jedoch, triumphierte er.

"Das Urteil 'Lebenslänglich' begrüßte er mit einem Victoryzeichen und rief: 'Amerika Du hast verloren'." ARD-Fernsehnachrichten

Nur einer von vielen

Zacarias Moussaoui ist nur einer von vielen. Er ist der Prototyp einer neuen Generation von Attentätern, die aus europäischen, westlich orientierten Mittelklasse-Milieus stammen: muslimisch, männlich, jung, auf der Suche nach Identität und Gemeinschaft.

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