Valentin Thurn erhält Lammsbräu Nachhaltigkeitspreis 2014

Valentin Thurn hat am 03.07.2014 den Lammsbräu Nachhaltigkeitspreis 2014 für sein Engagement in sozial- und umweltpolitischen Themen erhalten. Insbesondere wird damit seine Arbeit für den Film "Taste the Waste" und die Onlineplattform "foodsharing.de" gewürdigt .

Die Laudatio hielt Ursula Hudson, die Vorsitzende von slow food e.V.. Hier die gesamte Rede in Schriftform:

"Wir alle sind heute, ganz anders als noch vor wenigen Jahren, genauer gesagt: weniger als grade mal drei Jahren mit einem neuen Bewusstsein im täglichen Handlungsfeld des Essens ausgestattet: wir wissen erstaunlich viel über Lebensmittelverschwendung – in deutschen Haushalten, EU weit oder auch global betrachtet.

Lebensmittelverschwendung ist in Deutschland zu einem Thema geworden, das in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird. Und auf dem Feld tummeln sich mittlerweile eine kaum mehr überschaubare Vielzahl von Akteuren und Initiativen, die mit neuen, oft höchst kreativen Ideen und Projekten experimentieren, um der immensen Vergeudung Einhalt zu gebieten. Und das ist gut so. Denn das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung ist in der Tat ungeheuerlich. Die Zahlen, ich rufe sie Ihnen kurz in Erinnerung, sprechen für sich:

Weltweit werden ungefähr 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr, etwa ein Drittel aller Lebensmittel, nicht ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt, nämlich dem menschlichen Verzehr. Sie werden entweder direkt weggeworfen oder sind Verluste entlang der Wertschöpfungskette. Im globalen Norden, wie auch im Süden – aber jeweils aus ganz anderen Gründen.

Wenn wir den Blick auf die EU richten, sieht das so aus: Hier werden, einer Studie der EU Kommission aus dem Jahr 2010 zufolge, jährlich 89 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Und ganz scharf eingestellt sehen wir, dass in Deutschland in privaten Haushalten pro Person und Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen werden. Das belegt die eine Studie, die noch von der damaligen Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner, in Auftrag gegeben worden war.

Warum wissen wir das eigentlich? Warum haben wir ein so ausgeprägtes Bewusstsein von dieser arg unschönen und ethisch nicht vertretbaren Vernichtungskette vom Acker bis auf unseren Teller – haben Sie sich das schon einmal gefragt? Warum haben wir zu alledem sogar eine Ahnung von den Folgen, den katastrophalen ökologischen Auswirkungen dieser Verschwendungsorgie?

Was so selbstverständlich erscheint, hat eine ganz menschliche Ursache – eine ebenso kluge, vorausschauende, wie beharrliche und dabei sehr charmante Ursache. Es ist ein sehr besonderer Mensch, einer der sich schon sehr früh – ich muss sagen, beim Lesen seiner Vita ist man geneigt zu glauben: immer schon – für die Problemstellen in Valentin Thurn / UH Neumarkter Lammsbräu 07.10.2014 unserem Lebensstil interessiert hat. Es handelt sich um niemand anderen als um Valentin Thurn, den in Stuttgart geborenen Autor, Journalisten und Dokumentarfilmer.

Valentin, wir kennen uns seit ein paar Jahren, daher das freundschaftliche Du, hat zunächst einmal Geographie, Ethnologie und Politik in Deutschland und Frankreich studiert, bevor er die Deutsche Journalistenschule in München absolvierte. Seine Filmografie zeugt nicht nur von ungeheurer Produktivität, mehr als 40 Dokumentationen zu sozialen, entwicklungs- und umweltpolitischen Themen zählt sie, sondern auch von großer Kraft und starkem Willen, den Finger an die Wunden und Schwachstellen in unserem gesellschaftlichen Gefüge zu legen: Zivilcourage, Homosexualität, Ehrenmorde in Deutschland, Kinderarmut im reichen Europa, Gewalt hinter Gefängnismauern, Frauenbeschneidung in Europa – um nur ein paar wenige wichtige Themen zu nennen. Dafür bist Du Valentin in Europa und außerhalb vielfach ausgezeichnet worden – die Liste Deiner Ehrungen ins fast so lang, wie die Deiner Filme!

Dein Engagement für die Dir wichtigen Themen hört da aber noch längst nicht auf, denn Du bist auch Mitbegründer der ‚International Federation of Environmental Journalists‘ und warst deren General Secretary von 1993 bis 2001, Du warst auch Mitglied des ‚Beirats der Heinrich Böll Stiftung für Umweltprojekte in Osteuropa‘, Jurymitglied beim Biodiversity Reporting Award für Journalisten aus Kolumbien, Bolivien und Guatemala – und ich habe auch hier nur einige wenige Deiner Aktivitäten herausgegriffen. Und natürlich hast Du auch längst Deine eigeneProduktionsfirma: thurn film.

Und dass Du auch Autor von mehreren Büchern, Verfasser von einer stattlichen Anzahl von Radio Features bist und Dein Wissen als Dozent an den journalistischen Nachwuchs weltweit weitergibst, sei hier wenigstens erwähnt.

Was Dich Valentin, auch vor vielen anderen verdienten Dokumentarfilmern auszeichnet, ist, dass Du nicht nur Probleme aufzeigst, sondern nach Lösungen suchst – auch nach ganz praktischen. Es geht Dir um Antworten auf die Frage, wie nachhaltiges Miteinander von Gesellschaft und Umwelt denn wirklich funktionieren kann. Am umfassendsten gelungen ist dies, ich komme auf den Anfang zurück, beim Thema Lebensmittelverschwendung. Den Bewusstseinswandel, an dem wir alle Teil haben, der geht in Deutschland auf Dich, Deine Filme und Deine Kampagnentätigkeit gegen Lebensmittelmüll zurück.

Du hast Dich als allererster in Deutschland öffentlich mit diesem Thema befasst – wie es dazu kam, das kannst Du uns vielleicht selbst gleich kurz erzählen! 2008 lief Dein Film, Gefundenes Fressen – Leben vom Abfall‘ im WDR, 2010 kam der Valentin Thurn / UH Neumarkter Lammsbräu 07.10.2014 Dreiviertelstünder ‚Frisch auf den Müll‘ in die dritten Programme und wirkte wie ein Paukenschlag in der Öffentlichkeit. Danach ging es wirklich Schlag auf Schlag, im Hintergrund warst Du schon mit der Fertigstellung des Kinofilms zum Thema ‚Taste the Waste‘ zugange, der im Herbst 2011 in die deutschen Kinos kam – ein Film, den wohl jeder hier im Saal kennt, oder zumindest schon davon gehört hat. Darin recherchierst Du international das unglaubliche Ausmaß der Verschwendung von Lebensmitteln und packst uns Esser im Herzen wie im Kopf: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot. Das entspricht etwa 500.000 Lkw-
Ladungen pro Jahr. Mit Blick auf die Klimafolgen der Verschwendung stellst Du fest: wenn wir in den Industrieländern die Lebensmittelverschwendung nur um die Hälfte reduzieren, hätte das auf das Weltklima denselben Effekt, als ob wir auf jedes zweite Auto verzichten.

Der Kinostart von ‚Taste the Waste‘ war begleitet von großen öffentlichen Veranstaltungen, die wir gemeinsam, Slow Food Deutschland, andere Verbündete, wie Brot für die Welt, engagierte Köche und Du gemacht haben – und die seither immer wieder stattfinden. Nicht nur die Öffentlichkeit, die Medien haben auf Deinen Film mit deutlicher Kritik am eigenen handeln, am Umgang mit Lebensmitteln und Ressourcen reagiert, sondern sogar das deutsche zuständige Ministerium, das damals begonnen hat, sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung zu befassen.

Dein Kinofilm, und Dein umfassendes Engagement, wozu auch die von Dir ins Leben gerufene internationale Kampagne gegen Lebensmittel-Müll und die Plattform foodsharing.de. gehören, die Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit gibt, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen oder sich zum gemeinsamen Kochen zu verabreden um überschüssige Lebensmittel mit Anderen zu teilen, statt sie wegzuwerfen, haben ungeheuer breite Wirkung gehabt.

Sie haben im besten Sinne des Wortes Druck von unten produziert und unglaublich kreative Kräfte bei vielen Menschen, was Umgang mit und Wertschätzung von Lebensmitteln angeht, freigesetzt. Sie haben unser Bewusstsein verändert und uns alle näher an das, was wirklich wichtig ist, zurückgeführt: einen verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln, Menschen und Ressourcen.

Daher hat Dir, Valentin die Jury den Neumarkter Lammsbräu Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Medienschaffende verliehen.

Ich gratuliere Dir von Herzen; Slow Food Deutschland, schätzt sich glücklich einer Deiner Mitstreiter der ersten Stunde zu sein und freut sich sehr über diese Deine Auszeichnung."