„Zwei Mamas und kein Papa –
wenn lesbische Kinderwünsche wahr werden“

(ARD 20.6.01, 45 Min.)

Als Barbara mit Mitte 20 feststellt, dass sie Frauen liebt, verabschiedet sie sich vorerst von einem Lebenstraum - dem Wunsch ein Kind zu bekommen. Erst allmählich reift der Gedanke: es geht auch ohne Mann. Zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Irmgard fährt sie in eine holländische Klinik und kauft Spendersamen. Das Abenteuer lesbische Mutterschaft kann beginnen.

Neun Monate lang haben Ursula Ott und Valentin Thurn die beiden künftigen Mütter begleitet. Fuhren mit in die Samenbank, um Sperma zu kaufen – in Deutschland für nicht verheiratete Frauen verboten, in Holland gang und gäbe. Waren dabei, als die beiden Frauen im heimischen Wohnzimmer die einzelnen Samen-Proben zur Vorratshaltung in stickstoffgekühlte Spezialbehälter umfüllten und ließen sich erklären, wie man die künstliche Befruchtung zuhause durchführt. Sie begleiteten das Lesbenpaar zur Frauenärztin und zum Ultraschall, in die Szenedisco und zum Lesben-Volleyball-Turnier, zur Anwältin und zum Pfarrer, und schließlich an das Wochenbett. Ihren Vater kann die kleine Lili erst kennen lernen, wenn sie 16 ist, dazu muss sie Kontakt mit der Samenbank aufnehmen – die Mütter allerdings wissen vom holländischen Samenspender nur, dass er weiße Hautfarbe hat, dunkle Haare und weder AIDS noch Hepatitis.

Trotz neuer Gesetze stoßen die beiden Frauen und ihr Baby in Deutschland noch auf erhebliche Vorbehalte: Zwar kann Irmgard sich per Vertrag verpflichten, dem Kind ein Leben lang Unterhalt zu bezahlen. Doch Rechte bekommt sie dafür kaum: Weder kann sie das Kind als „Stiefmutter“ adoptieren, noch kann sie sicher sein, dass sie im Falle der Trennung das Kind weiterhin besuchen darf.

Längst handelt es sich nicht mehr um das Randproblem einer gesellschaftlichen Randgruppe. Heute wachsen in Deutschland rund 1,5 Millionen Kinder bei homosexuellen Eltern auf, schätzt die Berliner Senatsbeauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Lela Lähnemann. Die meisten stammen aus dem heterosexuellen „Vorleben“ der inzwischen lesbischen Mütter, immer mehr entstehen jedoch durch Insemination. Der Münchner Familienforscher Professor Wassilios Fthenakis hält diese Zahl sogar für untertrieben, denn in den USA leben bereits 10 Millionen Kinder bei homosexuellen Eltern. Und sie leben nicht schlechter als in „traditionellen“ Familien, so Fthenakis, der auch die Bundesregierung berät: „Wir haben bei der kindlichen Entwicklung keine Unterschiede feststellen können.“ Weder würden diese Kinder später verhaltensgestört - noch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie selber schwul oder lesbisch werden.

Nachbarn und Lehrer haben sich an die bunten neuen Familien vielerorts schon gewöhnt. Zum Beispiel in Monschau in der Eifel, wo zwei schwule Männer auf einem ehemaligen Bauernhof, zwischen Gänsen, Hasen und Enten, liebevoll ihren Pflegesohn Christian aufziehen. Unterstützt werden sie von den Nachbarn im Dorf –und vom Jugendamt. „Die beiden haben eine tragfähige Beziehung und bieten dem Kind ein stabiles Zuhause, das es lange nicht hatte“, lobt die Familienpflegerin des Jugendamtes. Sie kann sich sogar vorstellen, dem schwulen Paar ein zweites Pflegekind zu vermitteln.

Oder jene Großfamilie aus zwei schwulen Vätern und zwei lesbischen Müttern, die gemeinsam zwei Töchter großziehen. Meist leben die Kinder bei den Mamas, Wochenenden und Urlaube verbringen sie oft mit den Papas – und finden es wunderbar. Mia (9): „Ich habe zwei Mamas und zwei Papas zuhause, die anderen Kinder haben immer nur einen.“

In guten Zeiten sind diese neuen „Regenbogenfamilien“ ein spannendes gesellschaftliches Experiment. In schlechten Zeiten jedoch spielen sich menschliche Dramen ab. Denn auch homosexuelle Liebe kann zerbrechen, und der nicht-leibliche Elternteil ist dann vollkommen rechtlos. So wie die Sozialarbeiterin Sigrid, die vier Jahre lang das gemeinsam geplante Baby ihrer Freundin betreute und nach der Trennung keine Chance hat, den kleinen Janek jemals wiederzusehen. „Ich liebe dich bis zum Mond und zurück“, grüßt sie ihn an seinem Geburtstag übers Kinderfernsehen. Doch die Gerichte haben entschieden: Keine verwandtschaftliche Beziehung, keine Rechte.

Die Gesetze hinken der gesellschaftlichen Realität hoffnungslos hinterher. Noch vor ein paar Jahren konnten sich Homosexuelle nicht vorstellen, überhaupt Kinder zu bekommen – „heute sitzen sie in der Kneipe und kriegen große Ohren, wenn’s ums Kinderkriegen geht“, sagt Ingo Wolf, schwuler Vater in Berlin. Dort gibt es sogar schon eine Agentur, die lesbische Frauen an schwule Männer mit Kinderwunsch vermittelt.750 Interessenten hat „Queer&Kids“-Inhaberin Susan Darrant schon beraten. Sie ermittelt per Fragebogen, wer zu wem passt: „Homo, bi oder hetero? Gemeinsames oder getrenntes Sorgerecht? Zusammenwohnen oder nicht?“ Die ersten so entstandenen Babys werden dieses Frühjahr zur Welt kommen.

Politiker und Kirchenvertreter stehen diesen neuen Familien noch relativ hilflos gegenüber. Ist homosexuelle Elternschaft „unnatürlich“, wie Norbert Geis (CSU) meint ? Fehlt Kindern mit zwei schwulen Vätern die „mütterliche Brust“, wie Hanna-Renate Laurien vom Zentralkomitee der Katholiken Deutschlands befürchtet ? Oder müssen Kinder aus homosexuellen Beziehungen zumindest dieselben Rechte haben wie Kinder von Alleinerziehenden, wie Volker Beck (Grüne) fordert ? Das Gesetz zur „Homo-Ehe“ jedenfalls, das Beck auf den Weg gebracht hat, regelt die Kinderfrage so gut wie gar nicht. Dass zwei Homosexuelle auf Standesamt gehen, war mit der SPD gerade noch zu machen, doch dass sie jetzt auch noch Kinder wollen, ging zu weit.

Video (ca. 5 min)

Ein Film von Ursula Ott und Valentin Thurn
Ursula Ott und Valentin Thurn Buch und Regie
Kamera: Christel Fomm
Schnitt: Marc Schubert
Ton: Synke Schlüter und Anke Hense
Sprecherin: Eva Garg
Produktion: Gruppe 5
Redaktion: Dr. Thomas Leif
Projektleitung: Wilhelm Reschl