„Mein Vater will mich umbringen –
Frauen auf der Flucht vor Ehrenmorden“

(ARTE, 2.8.2005, 20.40, 53 Min.)

Fatma Bläser wurde von ihrer eigenen Familie mit dem Tode bedroht, weil sie sich weigerte, den für sie ausgesuchten Mann zu heiraten, und dann noch zu ihrem deutschen Freund flüchtete. Dort belagerten Brüder und Onkel das Haus, sechs Wochen lang, und trachteten ihr nach dem Leben, um die Familienehre zu reinigen. Fatma konnte sich verstecken, und hatte über 15 Jahre lang keinen Kontakt zu ihrer Familie, nur heimlich zu ihrer Mutter. Heute ist ihr Vater ein alter Mann. Fatma will sich mit ihm versöhnen. Er ist altersmilde geworden, und doch bereut er nicht, was er und die anderen Männer der Familie damals taten. Fatma ist sich unsicher: Wie wird die Sippe in der Türkei reagieren, die sie damals ausgestoßen hat? Wir begleiteten sie in ihr kurdisches Heimatdorf, 1500 Kilometer von Istanbul entfernt an der ehemaligen Grenze zur Sowjetunion gelegen, und beobachten die vorsichtige Annäherung Fatmas an eine Welt, die einmal ihre Heimat war und heute so fremd ist. Fatma erinnert sich, wie sie als achtjährige die Steinigung einer Frau beobachtete, die als Ehebrecherin beschuldigt wurde. Sie sucht das Grab, doch wird ihr bedeutet, dass solche „Schandflecken“ weitab in den Bergen verscharrt werden.

Auch Hatun Sürücü wurde von ihrer Familie verstoßen und suchte aus Sehnsucht wieder den Kontakt. Doch ihre Geschichte endet tragisch: Sie wurde von ihren drei Brüdern ermordet. Der Grund: Sie hatte sich von dem Mann getrennt, den ihre Familie für sie aussuchte, und wollte ihren Sohn Can allein aufziehen. Die Tat geschah auf offener Straße in Berlin: Die älteren standen Schmiere, der jüngste Bruder nahm die Pistole und schoss. Oft suchen die Familien die Jüngsten aus, weil sie wissen, dass sie nach dem Jugendstrafrecht milder bestraft werden. Ihre Freunde und Arbeitskollegen können es nicht fassen. Doch die Einwanderung hat die grausame Tradition bis in das Herzen Europas getragen. Auch Hatuns Familie stammt aus dem Südosten der Türkei, wo die Tradition von den Brüdern fordert, auf die Unversehrtheit der Schwestern bis zur Heirat zu achten. Ein Fehlverhalten muss gesühnt werden, weil die Familienehre beschmutzt ist und die Familie Gefahr läuft, von der Dorfgemeinschaft ausgestoßen zu werden. Das spielt selbst im heutigen Berlin noch eine Rolle, denn die Sippen halten engen Kontakt, auch zu den in der Türkei gebliebenen Verwandten.

Ehrenmorde gibt es nicht nur bei Türken und Kurden, sondern auch bei anderen Völkern wie den Albanern. Die Konflikte kündigen sich oft schon über Jahre zuvor an: Ulerika Gashi war mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen, als sie zwei Jahre alt war. Der Vater schlug die Mutter oft, und später auch die vier Töchter, vor allem Ulerika, als sie mit 16 begann sich zu schminken und modische Kleidung zu tragen. Als der Vater erfährt, dass Ulerika einen Freund hat, erdrosselt er sie mit einem Klebeband im Keller des eigenen Hauses und wirft die Leiche in einen Baggersee.

Viele begründen die Ehrenmorde mit dem Islam. Doch in Wirklichkeit steht kein Wort darüber im Koran. Allerdings stellen sich nur wenige Imame offen gegen diese vorislamische Tradition. Doch es gibt Kräfte, die bei Ehrkonflikten helfen: Etwa ein kurdischer Landtagsabgeordneter in Berlin, ein türkischer Kulturverein in Paris und der Verein Rosa e.V. in Stuttgart, der mehrere Mädchen-WG’s unterhält, in der sich junge Frauen verstecken, die vom Familienrat zum Tode verurteilt wurden. Dort, und in einem der streng bewachten Frauenhäuser in Istanbul wird klar, dass Prügel allein nicht reichen, um eine türkische Frau ins Frauenhaus zu treiben, zu groß ist das Gefühl der Schande auch bei den Frauen selbst, die meisten flüchten erst nach dem ersten Mordversuch, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten.

Für ihre in Deutschland, Frankreich und der Türkei gedrehte Dokumentation haben Filmemacherin Kadriye Acar, die als Tochter türkischer Eltern in Deutschland aufwuchs, und ihr Kollege Valentin Thurn mit türkischen, kurdischen und kosovarischen Frauen gesprochen, die sich in anonymen Hochhauswohnungen und streng bewachten Frauenhäusern verstecken, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Der Film schildert auch die Geschichten zweier Frauen, die trotz Verstoßung und Morddrohungen nach Jahren wieder den Kontakt zu ihrer Familie suchten - aus einer unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben in der Großfamilie. Die eine, Fatma Bläser, die als Kind nach Deutschland kam, konnte sich mit den Angehörigen in ihrem kurdischen Heimatdorf wieder versöhnen. Die andere hingegen, Hatun Sürücü, bezahlte ihren Annäherungsversuch an die Familie mit dem Leben - sie wurde von ihren Brüdern in Berlin auf offener Straße ermordet. Der Film besucht außerdem eines von nur zwei Frauenhäusern in Istanbul und macht deutlich, wie sehr sich die Schicksale der verfolgten Frauen - ob in Berlin oder in Istanbul - ähneln.

Video (ca. 10 min)

Ein Film von Valentin Thurn und Kadriye Acar
Kamera: Boris Fromageot und Rainer Speidel
Produktion: Heike Kunze/Telekult
Redaktion: Ulrike Dotzer/NDR