„Bittere Pillen“

(ARTE, 26.4.2005, 21.45 Uhr, 60 Min.)

Hans S. konnte ohne Tabletten nicht mehr schlafen. Er war leitender Angestellter, doch seine Sucht fiel keinem auf, über 17 Jahre lang, bis der Zusammenbruch kam: Erst verlor er seinen Job, dann seinen Führerschein, dann seine Kinder, schließlich wurde er in eine psychiatrische Klinik zum Entzug eingewiesen. Sein Arzt, der ihm die Rohypnol-Tabletten regelmäßig verschrieb, hätte wissen müssen, dass die Pillen abhängig machen. Nachdem Hans S. seine Sucht überwunden hatte, verklagte er seinen Arzt vor dem Schiedsgericht der norddeutschen Ärztekammern, und bekam Recht: Erstmalig in einem solchen Fall wurde dem Patienten eine Entschädigung zugesprochen und ein ärztlicher Kunstfehler verurteilt. Sie wird auch die „stille Sucht“ genannt, weil sie nicht auffällt, aber dennoch sind etwa ebenso viele Menschen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig wie von Alkohol: In Deutschland gibt es über eine Million Tablettensüchtige, in Frankreich sogar drei Millionen. Den schlechtesten Schlaf haben die Hausfrauen: Schon 1967 sangen die Rolling Stones über “Mother’s little helper” - Pillen vom Typ Benzodiazepine. Bis in die 80er Jahre verschwieg die Pharmaindustrie wider besseren Wissens ihre Suchtgefahren – ebenso wie sie zuvor die Schädigung von Embryonen durch das Schlafmittel Contergan herunterspielte, und auch die Giftigkeit der Barbiturate. Diese frühen Schlafmittel wurden häufig für Selbstmorde genutzt und sind seit den 60er Jahren verboten. Sie werden heute nur noch in der Schweiz verwendet – für die dort legale Sterbehilfe. Moderne Schlafmittel wirken nur noch in Kombination mit anderen Drogen tödlich, dafür aber fanden die Junkies schnell heraus, dass die Pillen mit Heroin vermischt einen längeren Rausch ergeben. Und Kriminelle fanden heraus, dass sich Schlafmittel als k.o.-Tropfen und Vergewaltigungsdrogen nutzen lassen. Der Missbrauch lässt sich vor Gericht nur schwer nachweisen, weil die Schlafmittel im Körper schnell abgebaut werden.

Video (ca. 10 min)

Buch und Regie: Valentin Thurn
Kamera:Boris Fromageot
Ton: Thomas Hirschmann
Schnitt: Katja Tornow
Redaktion: Olaf Grunert

Eine Produktion der BITCOM International Rainer Regensburger im Auftrag des ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE